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VST

In diesem Artikel geht es um die Nutzung von VST-Plugins unter Linux. Hinter der Abkürzung verbirgt sich die "Virtual Studio Technology": kleine Erweiterungen für Audiobearbeitungsprogramme wie Ardour und Audacity oder für Sequenzer wie Qtractor 🇬🇧 oder MusE 🇬🇧.

Eingesetzt werden solche Plugins gern von professionellen Musikern und Tonstudios, aber auch im Amateurbereich spielen sie eine bedeutende Rolle. In Linux-Systemen deckt normalerweise LADSPA- und LV2-Software diese Aufgaben ab. Da Windows im Audiobereich aber ungleich weiter verbreitet ist als Linux, sind VSTs in weit größerer Auswahl verfügbar - gleichermaßen als freie und als kostenpflichtige Software.

Was sind VSTs?

Das VST-Format wurde Mitte der 1990er Jahre von der Hamburger Firma Steinberg für Windows-Systeme entwickelt. Mit dem Vordringen dieser Systeme im Tonstudiobereich - zuungunsten von Apple- und Atari-ST-Rechnern - breitete sich auch VST aus.

  • VST-Plugins können etwa klangliche Effekte sein, mit denen man ein Audiosignal bearbeitet: Echo, Nachhall, Kompressor oder Verzerrer sind nur einige Beispiele.

  • Es können aber auch komplette Software-Instrumente sein. Verbreitet sind insofern Synthesizer, elektronische Schlagzeuge oder Imitationen von Naturinstrumenten. Man steuert sie über einen Sequenzer, eine extern angeschlossene MIDI-Klaviatur oder über ein E-Drumset. Diese Plugin-Form wird häufig auch als VSTi (für Virtual Studio Technology Instrument) bezeichnet.

VSTs ins System einzubinden, war unter Linux lange Zeit nicht ganz einfach. Das lag einerseits daran, dass die Plugins selbst für Windows programmiert sind, und andererseits an der Lizenzpolitik von Steinberg, die dazu führt, dass fertige VST-fähige Programme nicht unter der GPL verbreitet werden können. Kopiergeschützte Plugins (z.B. mit iLok) funktionieren nicht und auch sonst kann es zu Problemen kommen. Vor einigen Jahren sagte einer der verantwortlichen Entwickler noch:

"You will almost certainly be able to run a few of your VSTs and possibly a VSTi or two. You will most definitely NOT be able to run everything and what does run will likely be a bit weird compared to Windows." (von Mark Knecht)

In jüngster Zeit allerdings hat die Distribution AV Linux 🇬🇧 entscheidende Fortschritte in der Handhabung gebracht, wovon weiter unten näher die Rede ist.

Warum geht das nicht einfacher?

Zunächst die naheliegendste Frage: Warum so umständlich? Können diese Programme nicht wie andere auch als fertiges Debian-Paket bereitgestellt werden? Die Antwort ist – leider – nein.

Zum Bau von Anwendungen mit VST-Unterstützung werden Headerdateien von Steinberg benötigt. Diese unterliegen keiner freien Lizenz. Daher können Programme, die sie verwenden, nicht in Binärform unter der GPL vertrieben werden. Die Folge: unter den meisten Linux-Distributionen muss man sich diese Programme selbst kompilieren. Das benötigt etwas (Rechen-)Zeit und Fachwissen, sollte aber ansonsten kein Problem sein.

Zwei Beispiele konventioneller Handhabung

Ardour

Ardour kann mit Unterstützung für VST-Plugins gebaut werden. Aus lizenzrechtlichen Gründen dürfen die erzeugten Pakete nicht weitergegeben werden.

VST-Instrumente: dssi-vst

dssi-vst 🇬🇧 ermöglicht die Nutzung von VST-Instrumenten innerhalb des DSSI-Plugin-Systems.

Einbindung von Windows-VSTs über Carla

Hinter diesem Namen verbirgt sich ein Dienstprogramm, das in seinen neuesten Versionen die Einbindung von Windows-VST-Plugins sehr erleichtert. Carla gehört traditionell u.a. zum Software-Fundus von KXSudio.

Hinweis:

Zumindest im Moment gestaltet sich das Aufsetzen von KXStudio als Ergänzung eines bestehenden Ubuntu- oder UbuntuStudio-16.04-Systems infolge Schwierigkeiten mit den Paketquellen äußerst umständlich - sofern es überhaupt gelingt. Wer Carla einsetzen möchte, kann dies aber sehr einfach tun, indem er auf die debian-basierte Multimedia-Distribution AV Linux 2018 🇬🇧 zurückgreift; denn dieses System enthält eine aktuelle Carla-Version, die den Einsatz von Windows-VSTs wie hier beschrieben ermöglicht.

Carla 🇬🇧 lässt sich auf zwei Arten ins System einbinden. Die Handhabung des Programms selbst ist in beiden Fällen praktisch dieselbe:

  • Entweder startet man Carla als selbständiges Programm - meist bindet man es dann über den für professionelle Audioarbeit ausgelegten [:Soundsystem/#Soundserver Soundserver] JACK ins System ein.

  • Oder man nutzt Carla seinerseits als Plugin: etwa beim Einsatz von Qtractor 🇬🇧 , JACKRack oder Ardour. Dabei schaltet man es direkt z.B. in Kanalzüge des Ardour-Mischpults. Für jeden Kanalzug öffnet man Carla in einer separaten Instanz. Wer z.B. in Projekten mit zahlreichen Spuren mehrere Spuren parallel mit identisch eingestellten Carla-Instanzen bearbeiten möchte, könnte darüber nachdenken, diese Spuren auf eine zusätzliche separate Sammelschiene zu leiten, um erst dort Carla einzuschalten und das resultierende Signal zuletzt auf die Master-Sammelschiene zu legen.

Vorbereitung

Die VSTs aus der Windows-Hemisphäre sind in Form von *.dll-Dateien verfügbar. Am einfachsten ist es, diese Dateien in einen eigenen Ordner im Homeverzeichnis zu legen; aber auch andere Speicherorte sind denkbar.

In jedem Falle muss man dafür sorgen, dass der Pfad zum betreffenden Ordner in der Carla-Konfiguration auftaucht - sonst findet das Programm die Plugins nicht. Das bewerkstelligt man über das Menü "Settings > Configure Carla" und im dann auftauchenden Fenster in der Rubrik "Paths".

Im Feld "Main" muss man unter "Enable experimental features" einen Haken setzen. Dann öffnet sich u.a. das zusätzliche Feld zur Integration des Programms Wine, das für die Anbindung der windows-basierten VSTs benötigt wird. Weitere Justagen braucht man dort allerdings im Normalfalle nicht anzubringen.

Carla-Geraetemagazin.png
Eine Sammlung aktiver Instrument- und Effekt-Plugins

Auswahl der VST-Plugins

Carla bietet über das Menü "Plugin > Add" oder über das Feld "Add Plugin" einen datenbank-ähnlichen Überblick über sämtliche im System installierte Plugins. Das können in einer Multimedia-Distribution durchaus etliche Dutzend sein. Über Carla lassen sich sowohl windows-basierte Effekt- als auch (VSTi-)Instrumenten-Plugins nutzen.

Mit Hilfe der Filterfunktionen kann man die Auswahl eingrenzen. Dazu betätigt man das Feld "Refresh". Ein kleines Fenster öffnet sich, in dem man die Suchoptionen festlegen kann; hier lässt sich gleichermaßen nach linux-typischen LADSPA- und LV2-Plugins wie auch nach Windows-VST-Plugins suchen.

Die gewünschten Plugins lädt man dann über "Add Plugin".

Steuerung der Parameter eines Plugins

Die geladenen Plugins tauchen unter der Registerkarte "Rack" in dem imaginären Geräteschrank im Carla-Fenster auf. Diese Ansicht bietet bereits eine rudimentäre Auswahl von Bedienelementen. Mit einem linke Maustaste auf das Zahnradsymbol oben links in den "Rack-Einschüben" öffnet sich ein umfangreicheres, natives Bedienfenster für das jeweilige Plugin.

Es ist in seltenen Fällen möglich, dass die native Bedienoberfläche des Plugins nicht vollständig funktioniert. In solchen Fällen sollte man im jeweiligen "Rack-Einschub" auf das Schraubenschlüssel-Symbol links oben linke Maustaste klicken. Dann öffnet sich eine carla-eigene Bedienoberfläche für das Plugin, in der sich alle Parameter wiederfinden - freilich optisch prosaischer dargestellt. Laut Angaben in Testberichten läuft diese Bedienoberfläche stabil.

Carla-Verkabelung.png
Audio-Schaltungsbeispiel mit drei Synthesizer-Plugins

Signalwege zwischen den Plugins

Zusammengeschaltet werden die "Geräte" unter der Registerkarte "Patchbay". Dahinter verbirgt sich eine Bedienoberfläche, auf der man mit der Maus imaginäre Kabelverbindungen zwischen den Ein- und Ausgängen zieht. KXStudio-Anwender kennen diese Oberfläche aus der JACK-Steuerung Catia 🇬🇧, auch im Programm Patchage 🇬🇧 wird sie verwendet. Blaue "Anschlüsse" stehen dabei für Audio-, rote für MIDI-Verbindungen. Dieses Fenster übernimmt diejenige Aufgabe, die im Rahmen der unter Ubuntu verbreiteten QJackCtl-Oberfläche dem Fenster "Verbindungen" zufällt.

Achtung!

Unter Umständen muss man sich beim Verkabeln in der Patchbay darauf gefasst machen, dass Carla abstürzt. Es ist also sinnvoll, das jeweilige Projekt möglichst oft zwischenzuspeichern.

Diese Revision wurde am 7. Februar 2020 18:34 von Heinrich_Schwietering erstellt.
Die folgenden Schlagworte wurden dem Artikel zugewiesen: Tonstudio, Multimedia, unfreie Software